Lernfenster und ihre Bedeutung für die Entwicklung von Kindern

Alles zu seiner Zeit, so heißt es. In diesem Sprichwort liegt eine tiefe Wahrheit. Manchmal muss man warten, bis die richtige Zeit gekommen ist, doch kann es auch schnell zu spät sein. Dies gilt auch für die Pädagogik. Wenn gleich es unterschiedliche Systematisierungen gibt, so sind sich alle bedeutenden Pädagogen über folgende Punkte einigt: Lernfenster

Wenn sich das Lernfenster öffnet

1. Die Entwicklung eines Kindes erfolgt in einer bestimmten Reihenfolge. Der Zeitraum des Erlernes und des Übergangs in ein neues Lernfenster, wie wir es heute nennen, kann von Kind zu Kind unterschiedlich lang dauern. Doch nie wird die Reihenfolge verändert. Im Alter von 6 Jahren rechnet man allgemein von plus/minus zwei Jahren. Es ist daher kein Wunder, dass ca. 4% der Kinder vom Schuleintritt zurückgesetzt werden. Vera Birkenbihl fordert daher seit vielen Jahren nicht das Alter, sondern die individuelle Entwicklung als Entscheidungsgrundlage für die Schulreife und Klassenbildung heranzuziehen.

Bevor sich ein Lernfenster schließt

2. Jedes Lernfenster wuss erst „ausgereift“ sein, bevor sich das nachfolgende Fenster öffnet. Zu früh bedeutet, dass das eine Fenster sich nicht voll entwickeln konnte und das zukünftig zu Lehrende nicht wirklich verstanden werden wird. So stellte schon Jean Piaget über viele Versuche und Beobachtungen fest, dass das Verständnis für das Gewicht von Gegenständen mit 9-10 Jahren entsteht und für das Volumen erst mit 11-12 Jahren.

Hat sich ein Lernfenster geschlossen wird das Erlernen des konkreten Lerngegenstandes sehr schwer und manchmal unmöglich.

Lernfenster

LernfensterJede Missachtung dieser Regeln hat ernsthafte Folgen für die Entwicklung des Kindes. Möglicherweise kennen Sie das auch von sich selbst. Mit einem bestimmten Lernstoff aus der allgemeinen Schule wurden Sie viel später, häufig im Erwachsenenalter, neu konfrontiert. Und erst im Zuge dieser neuen „Aufarbeitung“ merken Sie, wie sich das Thema für Sie wirklich erschließt.

Lernfelder gibt es jedoch nicht nur in fachlichen Bereichen, wie dem Verständnis physikalischer Größen. Gleiches gilt auch für die Entwicklung der sogenannten sozialen Kompetenz. So bestätigen die Erkenntnisse der Neurowissenschaften, dass sich das Wertesystem erst beginnend mit der Pupertät herausbildet.

Seit langem gilt die praktische Anwendung erworbenen Wissens als Beweis des Könnens. Vernachlässigt wird jedoch der Erwerb von Wissen durch praktische Anwendung, was wesentlich wichtiger wäre. Es sind wiederum die Neurowissenschaften die belegen, wie sehr unsere Hände nicht nur zum Verständnis des konkreten Themas beitragen, sondern wichtige Basis für die Entwicklung und Formung des Gehirns überhaupt sind. Es war Karl Marx, der in seiner Schrift „Menschwerdung des Affen“ die Bedeutung der Hände für die menschliche Entwicklung herausgearbeitet hat. Allerdings bezogen sich seine Ausführungen auf die Entwicklung der Menschheit insgesamt. Die Neurowissenschaften haben diese Erkenntnis auf das Individuum transformiert. Die „Arbeit“ mit den Händen fördert die geistige Entwicklung.

Beispiele für Lernfenster

Sprache: bis ca. 12 Jahre

Erste Fremdsprache: 3.-4. Lebensjahr

Musik: 3. – 12 Lebensjahr

Emphathie: bis 3. – 4. Lebensjahr