Angst - Vertrauen - Scham

Zwischen Vertrauen – Angst – Scham

Zwischen Vertrauen – Angst – Scham

Scham, Vertrauen und Angst gehören zu den Grundgefühlen und sind Teil unseres Lebens. Dennoch haben wir es über die Erziehung und Betreuung unserer Kinder in der Hand, wie sich diese Gefühle im Laufe des Lebens offenbaren.

Gefangen im Wirrwarr der Gefühle

Sucht man im Internet nach dem Begriff „Gefühle“, stößt man auf eine kaum überschaubare Menge an aufgelisteten Gefühlen: … angeregt, engagiert, friedlich, … , selbstsicher, verblüfft, bestürzt, …, sorgenfrei, ärgerlich, brummig, gereizt, …, gequält, verspielt, zappelig, zugeneigt, …“. Ein näherer Blick auf solche Listen verrät, dass es sich durchaus nicht immer um Gefühle handelt. Vielmehr werden Gefühle mit Reaktionen und Verhalten gleichgesetzt.

Diese Unterscheidung ist nicht rein akademisch, sondern sehr wichtig für die alltägliche Erziehung und den Umgang mit sich selbst und anderen Personen. Ein kurzes Beispiel soll das verdeutlichen.

Tina, 10 Jahre alt, zerreißt sich auf dem Schulweg ihr Kleid. Sie ahnt, dass sie dafür von ihrer Mutter Vorwürfe ernten wird. Dennoch geht sie schnell nach Hause. Sie will mit dem kaputten Kleid nicht von den anderen Kindern gesehen werden. Als die Mutter den Schaden sieht, kehrt sich sich von Tina ab und murmelt im Weggehen „… kannst du denn nicht aufpassen…“. Welche Gefühle mag Tina wohl entwickelt haben? Wer denkt, es ist Angst, der irrt vermutlich. Sowohl das Verstecken vor den anderen Kindern als auch die Reaktion der Mutter, deuten eher auf Scham hin.

Der Unterschied: Angst können schon Neugeborene entwickeln. Sie ist uns angeboren. Auch wenn wir unsere Angst nicht mögen, erfüllt sie dennoch eine wichtige Lebensaufgabe. Sie schützt uns vor zu großen Risiken.

Scham hingegen bildet sich erst im Laufe der ersten zwei bis drei Lebensjahre heraus. Scham wird anerzogen.

Es macht also durchaus Sinn, hinter die Reaktion und hinter ein Verhalten zu sehen. Ein bestimmtes Verhalten kann durch verschiedene Gefühle hervorgerufen werden. Und umgekehrt kann ein Gefühl verschiedenes Verhalten erzeugen.

 Das Ordnungssystem der Gefühle

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wie Sie im Umgang mit Kindern die ganzen Gefühle auseinander halten sollen, um entsprechend reagieren zu können. In diesem Zusammenhang habe ich eine gute Nachricht. Es gibt eine Ordnung. Gefühle können auf wenige Grundgefühle reduziert werden.

Es gibt zwei grundlegende Linien: Eine verläuft von Ärger / Schuld / Scham zum Schmerz, die andere von positiver Überraschung zum Wohlbefinden.Scham

  Typisch für Gefühle ist auch, dass sie ineinander übergehen können. Hier einige Beispiele:

* Ein Mädchen wird mit 15 Jahren schwanger. Als sie es bemerkt, versucht sie es zu verbergen. Sie redet mit keinem Menschen darüber. Was die junge werdende Mutter emotional begleitet sind Angst und Scham. Was ihr fehlt ist Vertrauen in sich selbst und in eine Bezugsperson.

Obwohl in unserer modernen Gesellschaft viel aufgeklärt wird und viele Möglichkeiten einer Verhütung zur Verfügung stehen, reichen die gemachten Anstrengungen offensichtlich nicht aus. Dies belegen aktuelle Zahlen. Danach gab es in 2013 bei Mädchen unter 15 Jahren 322 Schwangerschaftsabbrüche. Die Scham kann nicht durch ein Kommunikationstraining überwunden werden. Bei Scham hilft nur die gegebene und empfundene Liebe.

* Ein kleiner Junge von 4 Jahren geht mit den Eltern im Park spazieren. Plötzlich kommt ein großer unbekannter Hund direkt auf die Familie zu gerannt. Der Junge bleibt erstarrt stehen und fängt an zu schreien. Wie können die Eltern reagieren?

Gut gemeint reden manche Eltern in einer solchen Situation auf das Kind ein: „Ist doch nicht so schlimm. Der Hund beißt nicht. Er will nur spielen. Du brauchst nicht weinen“. Bei dem Kind kommt jedoch eine andere Botschaft an. Diese lautet: „Mit mir stimmt was nicht, sonst würde ich nicht schreien. Die Eltern sagen, es besteht keine Gefahr. Ich muss trotzdem weinen. Also, etwas ist mit mir nicht in Ordnung“.

Obwohl die Themen „Verhütung“ und „Angst vor Hunden“ sehr unterschiedlich sind, steckt die Lösung in beiden Fällen im Vertrauen. Wir werden mit einem Urvertrauen geboren. Für unsere emotionale und geistige Entwicklung brauchen wir zumindest eine Vertrauensperson. Dennoch steht das Vertrauensverhältnis immer wieder auf dem Prüfstand. Geht es verloren, wird es schwer, es neu aufzubauen. Die Wunden, die durch das Brechen eines Vertrauensverhältnisses zugefügt werden können, sitzen teilweise sehr tief und begleiten uns ein ganzes Leben lang.

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